wagen und waagen.

ich habe seit jahren ein problem mit meinem gewicht, wobei das gewicht wunderbar ist und man mich durchaus als schlank und sportlich bezeichnen kann – nur ich denke stets, dass ich das nicht bin. also spechte ich jeden morgen auf die waage und checke die hüftspecklage. von der kleinen, ekelhaften zahl die dort steht hängt nicht selten die restliche tageslaune ab. stehen die zeichen gut, dann denke ich beim essen nicht nach, ich mache eine eintägige sportpause und zupple nicht 100x an meinem hosenbund rum. stehen die zeichen allerdings schlecht, dann esse ich entweder gar nicht oder mit schlechtem gewissen, was noch viel schlimmer ist, treibe ziemlich sicher sport und zupple 100x an meinem hosenbund rum und jammere jedem verfügbaren in meiner umgebung die ohren voll, wie fett ich bin. kurz – es nervt ungemein. der kampf um jedes kilo, der innere kampf bei jedem süßkram, der kampf bei jedem lustvollen schlemmen.

das drama geht im moment soweit, dass ich mir mit 39 grad fieber überlege ob nicht wenigstens ein paar bauchmuskelübungen drin sind, damit ich nicht aus der form gerate. als die ärztin mir mitteilte, dass ich antibiotika nehmen muss war der erste gedanke nicht der an vollständige genesung sondern eher so ein “scheisse, gerade jetzt wo ich so gut in form bin.” und die frage, ab wann ich wieder sport machen kann. mein körper stresst mich und noch viel mehr – ich stresse meinen körper. das widerrum hat familiengeschichte, mein vater lief gerne mal abends nach einem 14 stunden tag mit mehreren vollen wasserbhältern im rucksack 28 km durch den wald.

ich kenne gutes und gesundes essen. mein mann liebt kochen, essen, sich gutes tun. er geht darin auf. so sehr, dass sich mir zwar manchmal die frage stellt, was für ihn eigentlich dahinter steht, mich aber davor bewahrt mir essenstechnisch komplett den hahn zuzudrehen oder nur noch unregelmäßig mist zu mir zu nehmen. seine liebe zu essen bewahrte mich vor einiger zeit vor einer veritablen essstörung.

nun habe ich gestern die leseprobe von anke gröners buch “nudeldicke deern – free your mind and your fat ass will follow” gelesen und fühle mich in vielem angsprochen. ich hatte nie ein gewichtsproblem, ich war noch nie dick und habe keine einzige diät gemacht – aber das zerstörerische denksystem um den eigenen körper ist exakt dasselbe. für mich geht es mehr um body acceptance als um fat acceptance, aber ihre worte treffen so sehr die wahrheit über mein eigenes körpergefühl, das immer eher destruktiv und negativ ist. und als ich die wenigen seiten der leseprobe durch hatte (and the rest will follow…..) war für mich mein erster, allerkleinster momentan leistbarer schritt in die gute, gesunde, annehmende richtung klar.

ich habe die waage verbannt. dieses gläserne ding, dass mich jeden morgen traktiert hat, mir ein soll eingeredet und mein haben kritisiert hat liegt nun unerreichbar in den tiefen unseres kellers. und dort bleibt es.

ein winziger schritt für die menschheit, aber ein riesiger für mich.

tadellos am 27. August 2011 um 00:18
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