in meiner schwäbischen heimatstadt gab es bereits in allen haushalten kabelfernsehen, als bei uns daheim immer noch das schwarz-weiße rauschen herrschte. ich behaupte bis heute, dass meine affinität zu sprachen daher kommt, weil ich jahre meines lebens gezwungen war schweizer fernsehen in französisch und italienisch zu sehen – die einzigen sender die wir neben ard und zdf aus gründen der nähe zur schweiz reinbekamen. übrigens auch die einzigen sender neben ard und zdf, deren bildqualität mehr als mangelhaft war. kein wunder mit unserer popeligen zimmerantenne. abhilfe war schnell gefunden – wozu gibt es kleine brüder die man irgendwo mit der antenne in der hand im zimmer abstellen kann?
während der große bruder sich seine informationen über diverse filme aus den kleinen inhaltsangaben des beilagenfernsehblättle zusammensammelte, waren der kleiner bröder und ich schon einen schritt weiter. wir wagten die revolte gegen unsere fernsehhassenden eltern. wir hatten dazu alles, was wir brauchten: wir waren schnell, hatten gute ohren, konnten lügen ohne rot zu werden und wir hatten einen plan. wir wussten, dass die praxis unserer eltern die sich im gleichen haus befand, in der regel am späten nachmittag nochmal den größten ansturm erlebte und die wahrscheinlichkeit gering war, dass gegen 16 uhr einer der beiden hochkam. wir liefen uns also relativ gefahrlos warm bei relativ bescheuerten serien die uns in der regel nicht interessierten, was uns aber widerrum nicht interessierte, denn wir wollten einfach nur laufende bilder sehen. gegen halb sechs begann es spannend zu werden, ein colt für alle fälle begann. der kleine bröder und ich teilten uns im zimmer auf. einer frickelte immer noch an der antenne rum, bis wenigstens konturen in der groben schwarz weiss körnung zu finden waren, der andere hatte die aufgabe in sprungweite zum ausschaltknopf zu stehen, denn nur auf standby drücken war nicht möglich – der kleine rote punkt war zu verdächtig. wie kleine hasen lauerten wir mit pochenden herzen in habachtstellung im wohnzimmer, ein ohr bei colt seavers, ein ohr unten an der zwischentüre. gegen 18 uhr wurde es besonders spannend, denn einer der beiden verließ um diesen dreh meistens die praxis. an guten tagen hörten wir unten am empfangstresen noch das plaudern mit den arzthelferinnen und konnten in aller seelenruhe den fernseher ausschalten und uns im restlichen haus verteilen (beliebt war der sprung in die küche “ach, wir wolten schon mal den tisch decken!” – die küche war direkt neben dem wohnzimmer und somit erste anlaufstation auf der flucht) an schlechten tagen hörten wir erst das knarzen des ersten treppenabsatzes, was für uns erhöhte alarmbereitschaft bedeutete. zimmerantenne zurück stellen, fernseher aus und verteilen im haus und das ganze in weniger als 10 sekunden – “ach wir wollten schon mal den tisch decken!” mit geröteten wangen und etwas ausser atem. einmal schmiß einer von uns die fernbedienung so weit von sich, dass meine eltern am abend stund um stund nach ihr suchten und sie dann irgendwo zwischen tür und angel wiederfanden.
leider ging ein colt für alle fälle immer bis 18:10 soweit ich mich erinnere. was zur folge hatte, dass ich mich an so gut wie kein ende einer folge erinnern kann. immer kam einer der beiden früher hoch. woran ich mich aber natürlich erinnere war der anfangssong, der für mich immer eine art pausengeläut zwischen schulaufgaben, klavier üben und hausaufgabenkontrolle bedeutete. und heute abend, als ich mit den kindern von einem kaffeenachmittag bei netten menschen nach hause fahre, da tönt es kurz vor sechs aus dem radio: “I might fall from a tall building, I might roll a brand-new car, cause Im the unknown stuntman, that made Redford such a star.” und ich sitze plötzlich mit pochendem herzchen neben meinem kleinen bruder im wohnzimmer meiner eltern, freue mich auf die ersten takte der anfangsmelodie und daran, dass ich jetzt 36 bin und diese zeit hinter mir liegt.
tadellos am 1. April 2011 um 07:16
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