kinder sind viele jahre ihres lebens ziemlich fremdbestimmt. das phänomen nennt man erziehung, in der regel sinnvoll und gut. irgendwann entdecken die kinder eh ihre möglichkeiten der selbstbestimmung, das nennt man dann pubertät. aber bis dahin, gerade in den ersten jahren, sind die winkel der freien bestimmung relativ gering. klar darf gemanscht werden, aber irgendwann müssen auch wieder die hände gewaschen werden. klar darf süsses gegessen werden, aber bitte nicht zuviel. klar darf geschrien und getobt werden, aber irgendwann ist auch mal gut und es soll sich wieder benommen werden. erziehung eben. ich hatte lange zeit ein großes problem damit – hin und her gerissen zwischen “na, aber das geht doch jetzt nicht! da muss ich erziehen!” und “jo mach ma, probier dich aus!” und je mehr ich das an mir selbst beobachte und auch andere mütter und väter in diesem hin und her beobachte, desto klarer wird mir: kinder brauchen viele dieser selbstbestimmten winkel. denn genau die sind es in denen sie lernen, sich selbst kennen zu lernen.
das ist oft schwer auszuhalten, wissen wir eltern doch in der regel wo es endet, wie es eigentlich zu laufen hat und überhaupt was das beste ist. meine tochter zum beispiel. die hat sich weihnachten eine barbiepuppe “rapunzel mit extra langem haar” gewünscht. ein plastealptraum in rosa. ich habe eigentlich die gesamte vorweihnachtszeit mit hadern verbracht – und sehnsüchtig den feinen, klassischen haba/waldorf/stoffpüppchen in gedeckten farben hinterher gejammert. bis mir irgendwann klar wurde: das ist der winkel meiner tochter. da habe ich nichts verloren. da geht es nicht um pädagogisch wertvoll oder nicht, puppe ist puppe. wenn auch plaste und quietschrosa. und woher bitte soll ich das recht nehmen, ihr ein gesichtsloses, mimisch frei interpretierbares püppchen zu besorgen, das ich zwar toll finde, dass aber nicht ihre “apuzzel!” ist? genau. nirgendswoher.
genauso mein sohn. er malt. eigentlich irgendwie immer. er malt sehr….frei. würd ich sagen. die gegenstände erkennt man, die farbzuordnung stimmt hinten und vorne nicht. da wird die sonne gerne mal blau und der himmel gelb gemalt. das gras rot und der baum schwarz. er kennt die farben, er weiss wie es “richtig” aussieht – allein, er will nicht. es gefällt ihm genauso. mich hat das am anfang seiner schaffensphase wahnsinnig gemacht. ständig hing ich ihm im nacken und ermunterte “samma, der himmel, ne? der ist doch….?” “blau.” “genau. warum ist der denn dann da gelb? magst den nicht mal blau malen?” was folgte war einschlichtes “nein.” was also tun? daneben sitzen und korrekte stifte reichen? sicher nicht. denn da isser wieder, der winkel meines sohnes……
vor ein paar wochen fragte mich jemand, wer eigentlich morgens die kinder bei uns anzieht. die kinder selber. ah, aber die sachen suchen sie doch zusammen? tapfer antwortete ich nein, das machen die kinder selber. es gibt nur eine vorgabe: im sommer schuhe an die füsse, im winter warm. den rest machen die beiden. das ergebnis? beim sohn lustige kombis aus langarmshirt mit tshirt drüber und offenes kurzarmhemd. bei der tochter kleider, röcke in wildem mix mit farbenfrohsten leggings oder auch gerne mal kurze hosen aus dem sommer kombiniert mit leggins. man möge es mir glauben, es ist nicht leicht auszuhalten. ich denke “um gottes willen!” und möchte richten und sortieren und vorallem AUSsortieren (insbesondere alles rosane…..) – alleine, die winkel.
allmählich gewöhne ich mich dran und der widerstreit zwischen “das geht doch nicht!?” und “nur zu! finds raus!” wird schwächer. denn ich entdecke facetten im charakter meiner kinder, die sie in ihren winkel ausprobieren und entwickeln, die so wunderbar und einzigartig sind und die nicht zugeschüttet werden dürfen mit meinen vorstellung, meinen erfahrungen und meiner meinung über die dinge. wir alle versuchen unseren kindern soviel wie möglich mitzugeben, wir verfallen in aktionismus, biegen die kinder dahin und dorthin – wir meinen es gut, keine frage.
aber das eigentliche wunder geschieht dann, wenn man einen schritt zurücktritt, den atem anhält, die situation aushält und einfach geschehen läßt.
tadellos am 28. Dezember 2010 um 11:43
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