was mir als vorgesetzte in bezug auf pflichten und generell adäquates verhalten in der arbeitswelt immer wieder stark auffällt: viele junge erwachsene Arbeitnehmer in den 20ern sind unglaublich unreif und kennen oft die einfachsten grundregeln nicht.
da wird sich nicht krankgemeldet, mitarbeiter verschwinden einfach. “ja, wie. ich hätte dann halt die aub geschickt!” “und der laufende betrieb? vertretungslösungen?” “mmh, hättet ihr gefunden?”
da wird gekündigt. einfach so. am tag vorher bespricht man die neue stelle, man arbeitet ein, kollegen werden informiert, arbeitsplätze geschaffen, auftraggeber informiert, alle freuen sich, der mitarbeiter besonders ”toll! schöne stelle, ich wollt schon immer hier arbeiten!” und man nächsten tag hält man ein schreiben in der hand mit der fristgerechten kündigung. das finde ich ehrlich gesagt schon ziemlich scheiße, es geht aber noch beschissener: nämlich die in der regel dann folgende krankschreibung ab abgabe der kündigung bis einschließlich letzten arbeitstag, locker flockig bis zu drei wochen – “ja also…..echt ne schwere erkältung!”. und urlaub muss ja auch noch genommen werden – alles schön verrechnet mit der zeit des krankenstands, damit man den mitarbeiter auch ab tag 1 der kündigung teilweise bis zu 6 wochen lang nicht mehr zu gesicht bekommt. der urlaubsantrag, der wird natürlich sofort geordert, auch die noch ausstehenden fahrtkosten sauber abgerechnet, klar. aber übergabe an den neuen kollegen? kleine einarbeitung? aufräumen des arbeitsplatzes? fehlanzeige – nach mir die sinnflut. manchmal ist die kündigungszeit eher kürzer da kann es dann passieren, dass mit der krankschreibung noch urlaubstage übrigbleiben…..die möchten dann doch gerne ausbezahlt werden.
da wird getratscht, was das zeug hält. man bittet einen tag vorher in einem einzelgespräch noch um zurückhaltung zu diesem oder jenem thema und erfährt einen tag später, dass der mitarbeiter geradewegs zum nächsten kollegen gerannt ist um mal eben wichtige details weiterzugeben. die meisten machen das nicht aus böser absicht, da bin ich mir sicher. die sitzen dann vor mir, mit rehäuglein, und versichern mir “ja nee, klar! ich bewahre stillschweigen bis ich näheres erfahre! klar!” und ich bin überzeugt, die meinen das in dieser sekunde ernst. aber kaum stehen die auf dem gang vor meinem büro, setzt irgendso eine innere facebook oder twitter funktion ein, die sie nahezu zwingt eine zu rauchen und dabei den kollegen alles zu auf die pinnwand zu schreiben erzählen.
da wird mit auftraggebern geredet, als ob man mal eben den kumpel von gestern abend an der strippe hat “ey ja! alder! totaaaal bescheuert ist das!” es bleibt einem das herz stehen. darauf angesprochen, dass auftraggeber ziemlich sicher nicht “alder!” in einem gespräch hören wollen erntet man komplettes unverständnis “ja wiesoooo? der ist doch auch jung!”
ich rede hier von erwachsenen, studierten, gut ausgebildeten, jungen menschen die mitten im berufsleben stehen, die aber irgendwie einen teil von erziehung völlig verpasst haben: was sind die ansprüche einer arbeitswelt an mich als arbeitsnehmer? wie kommuniziere ich? wie verhalte ich mich? welche pflichten habe ich? und wem gegenüber? werteerziehung-fehlanzeige.
und da frage ich mich doch ganz ernsthaft: hab ich eigentlich als vorgesetzte eigentlich einen erziehungsauftrag? seit jahren begleitet mich die diskussion welche institution einen erziehungsauftrag hat – die eltern geben ihn an die schulen ab, die schulen reichen ihn weiter an ausbildungsbetriebe und irgendwo im lauf durch die instanzen gibts dann die, die irgendwann alle erziehungsmodule halbwegs beisammen haben oder eben die die rausfallen. ich dachte immer das thema betrifft ausschliesslich schulen und ausbildungsbetriebe. aber offensichtlich ist es so auch so, dass junge akademiker zwar die liste der üblichen verdächtigen softskills für die arbeitswelt zumindest theoretisch draufhaben, aber so eine grundsätzliche werteerziehung in teilen fehlt. werte wie verantwortungsbewusstsein, aufrichtigkeit, ehrlichkeit, rücksichtnahme…..die fähigkeit das eigene handeln in einem kontext zu sehen und abschätzen zu können, ob das eigene verhalten schadet oder angemessen ist.
und das können viele, sehr viele wie ich finde, einfach nicht. und ich als vorgesetzte merke immer mehr, dass ich da in die pflicht genommen bin. denn wenn ich jeden mitarbeiter kündige, der in meinen augen elementare spielregeln der arbeitswelt einfach nicht kennt oder checkt, dann stünde ich schnell alleine da. also raufe ich mir derzeit täglich das haar, schnaufe mehrmals durch und beginne “zu erziehen”. und stoße auf “ach. echt??” oder “das hat mir noch nie jemand gesagt!” oder “wenn ich gewußt hätte!”. das ist zwar spannend und wichtig weil ich spüre, dass ich da mit meiner einschätzung richtig liege und die meisten einfach wirklich nicht wissen, was sie da tun – aber dennoch denke ich jedesmal, dass das eigentlich wirklich nicht mein job sein kann.
(übrigens kein singuläres problem in unserer branche. rückmeldungen aus anderen branchen zeigen ähnliche erfahrungen.)
tadellos am 22. November 2010 um 09:19
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