je älter ich werde, desto mehr ehen und langjährige partnerschaften zerbrechen um mich herum. auch im rahmen meiner weiterbildung begegnet mir da einiges, geht es ja nicht nur um familientherapie sondern auch um paartherapie. und mir beginnen zwei dinge aufzufallen, die abseits aller anderen 100 großen und kleinen gründen immer wieder im umfeld scheiternder ehen/partnerschaften auftauchen. natürlich gibt es auch ausnahmen, ja. es gibt die großen, wunderbaren ehen, die jahrzehnte halten. wo alles lebt und blüht, man schön miteinander an der liebe und am leben arbeitet. da diese ausnahmen aber derart gering sind wie mir scheint halte ich sie im kopf, gehe aber zumindest hier nicht drauf ein.
das eine ist, dass ehen/partnerschaften mit regelmässigkeit zu scheitern drohen, wenn ein partner eine existenzielle krise durchlebt. wenn einer plötzlich ins wanken gerät und anfängt sich und sein leben zu hinterfragen. und der andere nicht mitkommt. auch nicht mitkommen kann, weil man auch in der zweisamkeit manche wege alleine gehen muss. es muss nicht jeden menschen automatisch eine solche krise geraten. erwischt es aber einen und man steckt in einer beziehung, dann scheint es mir oft so, als schaffe es eine ehe oder eine partnerschaft in den wenigsten fällen so eine krise aufzufangen. zu stark verändert sich das lebenssystem in dem die beiden bisher lebten. ich habe das nun schon bei so vielen leuten beobachtet, dass diese krise kommt in der plötzlich alles in frage gestellt wird und dann auseinanderbricht. oft, sehr oft ist das mit einer neuen liebe verbunden, deren existenz die eigentliche krise verbirgt. da heisst es dann “ach! er/sie hat sich halt neu verliebt” ich halte aber in den seltensten fällen die neue liebe für den ausschlaggebenden grund sondern vielmehr die zugrundeliegende krise. der neue partner mag der katalysator sein, in der regel gehts um was anderes. man denke alleine an die oft zitierte midlilfe crisis……. studium, arbeit, kinder, haus, bequemlichkeit – das hält man mitunter ein paar jahre durch, spätestens mit 40/45 hauts einen dann auf die schnauze und die krise ist da.
ich glaube zb auch, dass das der gund ist warum zweite ehen dann oft besser gelingen. man sagt immer das läge daran, dass die leute jetzt wüssten wies läuft, was sie vermeiden wollen und was nicht. ich für mich kann das nicht sagen – ich weiss auch in der zweiten ehe immer noch nicht so recht, was eigentlich das geheimnis einer guten beziehung ist. aber ich glaube, zweite ehen gelingen mitunter deshalb besser, weil die große krise schon da war und man selbst und somit die ehe insgesamt in ruhigeren fahrwassern ist.
das andere ist, dass ich im grunde meines herzens die völlig unromantische vorstellung habe, dass der mensch nicht für die monogamie gemacht ist. ich halte es durchaus für möglich, dass man eine lebenslange, liebevolle und liebende partnerschaft leben kann (vorausgesetzt, es hagelt keine existenzielle krise) ich halte sie aber für nicht möglich, ohne sich zwischendurch nicht doch mal zu verlieben oder zu vergucken oder herzklopfen zu bekommen oder gar fremdzugehen. und ich glaube das ganz viele ehen daran scheitern, dass man meint einen lebenslangen exklusivitätsanspruch zu haben. dass man schlicht an den hehren moralischen maßstäben scheitern muss. ich bin überzeugt, dass offenheit innerhalb der partnerschaft, das zugeständnis an sich und den anderen, dass es passieren kann und darf und vorallem keine vorverurteilungen zu diesem thema schon die halbe miete sind. das alles nimmt einen enormen druck, gerade in langjährigen beziehungen. ich spreche nicht vom fröhlichen, bewusst gewählten fremdgehen. ich spreche noch nicht mal von offenen beziehungen. ich spreche von den überraschungen des lebens, den kleinen bomben die einschlagen können, die einen verwirren, die einen mit verliebtem blick durch die gegend schaukeln lassen und die in meinen augen völlig normal sind und früher oder später in jeder langjährigen beziehung auftauchen können. die zuzulassen, zu kommunizieren und eben auch zu tolerieren – das halte ich für eine ziemlich wichtige sache und gleichzeitig für eine enorme, aber machbare herausforderung. diese haltung ist nicht der wunsch nach absicherung im fall der fälle. es hat wohl was damit zu tun, dass ich sowohl meinem partner als auch mir einen winzigen letzten rest an ja was…..an selbstbestimmung? freiheit? individualität? freiraum? zugestehen will. vielleicht ist der sinn dieses winzigen letzten restes ja auch einfach der, nicht vollständig eins zu werden, sich nicht zu verlieren. ich habe zb nie begriffen was paare damit meinen wenn sie davon sprechen, dass zwar jeder seine individualität hat aber sie sonst eins wären. das geht für mich nicht zusammen. die angst vor der selbstaufgabe bez. der selbstauflösung ist groß bei mir. und in der tat fällt mir auf, dass ich schon immer jemand war, der zwar zwischenmenschliche beziehungen sehr schnell sehr nah an sich ran kommen lassen konnte, aber immer auf den letzten rest distanz bedacht war. und merke gleichzeitig, dass sich da was zu verschieben beginnt.
bleibt spannend.
ich bleib dran.
tadellos am 21. September 2010 um 09:43
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himmelblau
am 21. September 2010 um 18:31Der Titel ist zwar “Liebe”, aber dafür kommt mir die Liebe doch etwas zu kurz in deinem Beitrag. Ich glaube nämlich, dass das letztendlich der eigentliche Punkt beim Gelingen einer Ehe/ Partnerschaft ist. Eine langjährige Ehe/ Partnerschaft ist auch locker in der Lage, eine größere Krise eines der Partner zu überstehen, wenn zwischen dem ganzen “Studium, Arbeit, Kinder, Haus und Bequemlichkeit” nicht die Liebe auf der Strecke geblieben ist. Wie diese Liebe nun aussieht, ist sicherlich egal und so facettenreich wie nur möglich, aber ich habe die vollkommen romantische Vorstellung, dass mit Herzklopfen alles möglich ist. Krisen überstehen und Türen öffnen.