reiselust.

ich bin auf einen wunderbaren blog gestossen, den ich nicht vorenthalten mag. und zwar den reiseblog von tina uebel.

Für das Deutsch- Chinesische Kulturnetz berichtet Tina Uebel über ihre ungewöhnliche Annäherung an China, ihre Wahrnehmung der schrittweisen Veränderung der Landschaften, Sprachräume und Kulturen zwischen den zwei Schwester- und Hafenstädten Hamburg und Shanghai.

und weiter….

Fast jeder ist in der Lage, die Distanz Hamburg–Shanghai in Flugstunden zu schätzen. Bei einer Schätzung der physischen Distanz in Kilometern oder gar Überlandwochen wäre fast jeder überfragt. Wir leben in einer pseudoglobalisierten Epoche, in der das Reisen zwar dreidimensional einfacher und günstiger den je feilgeboten wird, in der aber die vierte Dimension, die Zeit, abhanden gekommen ist. Wir besteigen Billigflieger in generischen Airports, wir steigen an ebensolchen aus, wundern uns draußen über die Fremdheit und betiteln dieses unser Gefühl als „Kulturschock“.

Das Phänomen des fehlenden Elements wird oft schwammig beschrieben als „die Seele reise halt langsamer als der Körper“. Die präzise Erfahrung dahinter, die verlorene Erfahrung, ist die physische Fortbewegung, der Übergang: Täglich, langsam, begreifbar ändern sich auf einer Reise die Landschaft, die Kultur, die Sprache, die Menschen, ihre Anschauungen, ihre Traditionen, das Klima. Heimatort und Reiseziel existieren nicht isoliert von einander in einer Art Paralleluniversum, sondern sind kontinuierlich verbunden durch andere Orte, Länder, Geographien.

diese gedanken haben mir unglaublich gut gefallen, weil im grunde universal – denn auch wer nicht reist wird durch die ganzen gesellschaftlichen schnellen veränderungen geschleift. muss sich flugs anpassen an den ständig wandelnden zeitgeist. stillstand scheint kaum möglich – in gefühlter sekundenschnelle müssen wir entscheiden “mögen wir das? wollen wir das? lehnen wir das ab? was ist eigentlich meine meinung dazu?” vor ein paar tagen bekam ich eine seltsame rückmeldung. ich war in einem gespräch mit einer bekannten, wir redeten über entwicklungsprozesse innerhalb der einzelnen generationen und wieviel man von der jeweiligen vorangegangenen generation wohl mit nimmt. wir waren ziemlich vertieft und irgendwann schwieg ich, weil ich einen gedanken noch nicht recht in worte fassen konnte. ich sagte zu ihr “ich muss darüber mal eben nachdenken, lass mir einen moment zeit dazu.” und ich nahm mir die zeit, vielleicht so 2-3 minuten, nicht viel mehr, in denen wir nichts sprachen. am ende des gesprächs sagte sie plötzlich zu mir, dass das für sie eine ganz ungewohnte erfahrung war, dass jemand sich richtig zeit dafür nimmt gedanken in worte zu fassen. dass jemand gesprächs- und denkpausen für sich in anspruch nimmt.

und ich musste an die worte von tina uebel denken “die Seele reise halt langsamer als der Körper“. und daran, dass auch die nicht-reisende seele schon einige probleme haben dürfte, in unserer zeit schritt zu halten mit dem kopf und dem körper. was mir an dem reiseblog so gut gefällt, abseits der wunderbaren sprache und dem witz, ist die möglichkeit der übertragung ihrer reiseerfahrungen in meine lebens- und erfahrenswelt. um mir in meinem schnellen alltag mal zu überlegen, wo ich einheitlicher mit körper und seele gehen könnte. wo ich lernen könnte die dinge langsamer anzugehen und zu durchdenken, mir be-greifbarer zu machen um sie vielleicht genauer und nachhaltiger einordnen zu können. um zu lernen, die dinge nicht immer als abgekoppelt von einander zu betrachten sondern in einem großen zusammenhang. um der seele die möglichkeit zu geben schritt halten zu können.

und abgesehen von alledem, stillt dieser blog aufs feinste diese kleine ecke fernweh in mir.

tadellos am 30. Juli 2010 um 14:16
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